Ein Hoch auf die Kompensation

Kompensation ist toll.
Vielleicht klingt die Aussage etwas gewagt. Doch lassen Sie mich erklären, welchen Blickwinkel ich dabei habe.


Das Leben besteht aus Aufs und Abs. Es gibt immer vollgepacktere und stressigere Zeiten- und welche, in denen der Tag in ruhigeren Bahnen läuft, sowohl körperlich als auch emotional. Die Kunst ist, jede Welle so geschmeidig zu nehmen, wie sie kommt.
Bei den unruhigeren Bewegungen des Lebens brauchen wir die Fähigkeit zu kompensieren und auch eine Mehr- und Vielfachbelastung wegzufedern und umzuleiten.

Ein Beispiel im Körper: Wenn das linke Knie verdreht/ verletzt/ schmerzhaft ist, kompensiert unser Körper automatisch. Als Versuch der Entlastung belastet er mehr das linke Sprunggelenk, die linke Hüfte, das rechte Knie, das Becken, die Lendenwirbelsäule, ja vielleicht sogar die rechte Schulter. Wie eine Art “Nachbarschaftshilfe” kommen andere Gebiete mehr zum Einsatz, um den schmerzhaften Bereich damit zu schonen. Gesund ist, dass der Körper beim Abheilen der Beschwerden auch ohne großes externes Anschubsen wieder in eine normale Bewegung und Beweglichkeit zurückfindet. Kompensation war nötig, damit Heilung glückt. Das Ausweichen war sinnvoll und nützlich. Und jetzt geht es wieder ausgewogener weiter. Gibt es eine Verzögerung in diesem Ablauf, ist Therapie angebracht und wunderbar- weil es für ein Anregen des Systems sorgt, wo es gerade nicht genug von allein wieder in die Spur kommt.

(Das erklärt auch gleich, warum Therapeuten nicht immer nur am Schmerzgebiet selbst arbeiten, sondern auch an allen möglichen Bereichen drumherum.)


Problematisch wird es, wenn unser Puffer und unser Depot zur Kompensation immer geringer wird. Dann hat auch ein “therapeutisches Anschubsen” nicht den gewünschten Effekt. Besteht zur frischen Verletzung des Knies schon z.B. seit längerem ein Rückenschmerzproblem, ist weniger Raum zum weiterlaufenden Ausgleich. Herrscht eine schlechte Stoffwechselsituation aufgrund von einseitiger Ernährung, Bewegungsmangel oder ähnlichem, findet ggf. keine adäquate, zeitgemäße Wundheilung statt. Beachtet ein Patient nicht seine aktuelle Belastbarkeit und passt es nicht der Situation an (oder belastet gleich viel weiter unter Schmerzmedikation, die somit das Gesamtbild verfälschen), werden die Zellen in ihrem Impuls zur Selbstheilung unterbrochen. Werden jegliche Warnsignale und Schmerzmeldungen des Körpers ignoriert und übergangen, steigert sich das Beschwerdebild. Somit gerät ein Körper aus der Bahn und aus seiner Mitte.

Beispiele dazu finden sich auch auf der geistigen Ebenen. Ist ein emotionales Großereignis noch nicht adäquat aufgearbeitet und integriert und kommt eine weitere Belastung oder Schocksituation dazu, fehlt der innere Raum, mit den vielen Impressionen situationsgerecht umzugehen. Somit werden selbst Alltagsbelastungen zu einer unerträglichen Last, die das System auf verschiedene Art lahm legen oder zusammenbrechen lassen.

Jeder noch nicht abgeschlossene Prozess einer Heilung nimmt Raum zum Kompensieren. Je nachdem, wie lange ein Problem besteht und in verschiedenen Bereichen des Lebens und des Körpers das Hinspüren und darauf Rücksicht nehmen nicht angepasst ist, steigert sich die Belastung und reduziert wiederum den Raum des Puffers. Dieser hilft uns sonst, emotional und physiologisch wieder in einen guten Lebensfluß zu kommen.


Die Fähigkeit zur Kompensation ist auch ein Segen, Dinge, die nicht mehr voll zu reparieren sind, als solches zu integrieren und so einzubauen, dass sie den restlichen Ablauf nicht zu sehr stören.


Es fühlt sich bei jedem Patienten ein bisschen anders an, wie “voll” sein System schon ist. Für mich ist keine Kausalität festzustellen, welche Geschichte zu welcher Fülle führt. Losgelöst vom Krankheitsbild, der Dauer der Beschwerden, der jeweiligen Lebensumstände etc. trägt doch jeder eine andere Art des “im Fluss bleibens”- oder eben nicht. Die jeweilige Haltung auch zur Erkrankung oder Lebensphase; das Annehmen, von dem, was ist; die Relation zu anderen Ereignissen; die Einschnitte, die Spuren hinterlassen haben- sind bei jedem individuell. Und deren Gewichtung und Wirkungskreis auch.

Die Sichtweise und Umgangsform damit, ist häufig für das komplette Bild relevanter. Auch- wie viel wurde schon in kleinen Dingen kompensiert, die einzeln nie ins Gewicht fielen, aber über die Dauer der Zeit und Summation der Ereignisse auch ein schweres Päckchen werden?

Gibt es viele vollgefüllte, verstopfte, unangetastet-unbewegliche Teile der eigenen Geschichte und des Körpers, ist das Gesamtsystem starrer und anfälliger. Das ist das Phänomen des “letzten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt”.

Was erkennbar ist: Umso geschmeidiger und freier der innere Raum ist, desto eher bestehen gute Voraussetzungen für Kompensation und Wegpuffern. Umso verbundener wir mit der eigenen Geschichte sind, desto fließender ist es.
Regeneration und Auskurieren schaffen ebenso Depot zurück. Auf den Körper hören und Auszeiten zulassen und nutzen, sorgt für Raum.

Somit ist es ein Plädoyer fürs Raum schaffen und Sortieren, mit allem, was man trägt. Es ist eine Anregung, darauf zu achten, wie viel Depot wir (noch) in uns tragen, um uns weiteren belastenden Situationen auszusetzen- oder eben nicht. Es ist ein Aufmerksam machen, unsere Grenzen zu erkennen und zu beachten. Wo ist wirklich mein Limit z.B. bei körperliche Anstrengung? Gleichermaßen gilt zu prüfen, wie viel Raum manch emotionales auch einnimmt. Wenn die aktuelle Tagesbelastung einen sehr an seine Grenzen bringt, lohnt sich ein Blick auf das Gesamtpaket- und die fehlende Fähigkeit zur Kompensation.

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Change it, leave it or love it.


Um ein Gespür für die eigene Fülle oder den eigenen Kompensationsraum zu bekommen, ist der Körper ein wunderbares Werkzeug. Fragen wie: Wieviel Prozent Raum zum Wegfedern fühle ich in mir? Wie voll ist es? Macht eine konkrete Situation/ Vorhaben eher eng oder eher weit? Was treibt mich an? Was hält mich zurück? Was trägt dazu bei, wieder mehr Raum zum Kompensieren zu bekommen (und was davon ist selbstbestimmt)? Wie ist mein innerer Zugang zu Vergangenem und Unaufgeräumten? Auf welchem Lebenswellenpunkt befinde ich mich gerade?

Dass mit der Vollgefülltsein ist vielleicht vergleichbar mit einem ausgereizten Speicherplatz eines Handys. Zu viele gespeicherte Fotos und Nachrichten, vielleicht auch einige unnütze Apps… und gerade kein Platz mehr, um die aktuelle Situation festzuhalten auf einem verfügbaren Speicherträger. Was nun? 


Es lohnt sich aufzuräumen und zu beleuchten, was uns bewegt- bewusst und unbewusst- weil es wieder mehr Depot schafft.
Es ist wichtig, unbequeme innere Räume zu betreten, um Verbindung zu halten und ein Durchsortieren nicht aus den Augen zu verlieren, weil es unterstützt, wieder mehr Puffer zu haben.
Es ist wesentlich, den Weg des Ausdrucks zu pflegen, um für Balance zu sorgen.
Es lohnt sich, sich dem Dunklen zu stellen, damit wieder mehr Raum für das Licht ist.

Kompensationsraum hilft uns, mit dem Auf und Ab des Lebens gut zurechtzukommen.

Außerdem ist es immer eine gute Idee, eine wohlige Nachbarschaft zu pflegen- im Umland des Knies wie auch im größeren Kontext. Wenn kompensieren geht, sind wir “back on track”.

Auch “Therapieerfolg” kann man vielleicht unterschiedlich definieren. Nicht nur das Wiedererlangen von Schmerzfreiheit oder voller Beweglichkeit ist das Ziel, sondern auch das Wieder-Ausweiten des Depots ist ein großer Erfolg. Der Patient ist wieder fähiger, zu kompensieren- für alles, was da war, ist und kommen wird.


Viel Freude beim Schaffen von Räumen in uns und um uns herum!

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