
Heute hatte er diese Leuchteaugen. Aus wunderbarem Grund. Frisch aufgetankt. Es kam nur gelegentlich vor, also, nicht jede Woche oder jeden Monat, aber dennoch oft genug, dass das Licht darin nie ganz ausging. Wenn sich Dinge fügen und die Raum- und Zeitachse wohlig zusammenspielt, konnte es passieren. Dabei wird das Herz weit und die Augen leuchten.
So wie jetzt. Frisch aufgefunkt. Er war heute Morgen einem neuen Sternchen begegnet. Einfach so. Zufällig. Beim Bäcker. So passierte es. Stets unerwartet. Ungeahnt. Mitten im Leben. Überraschend und spontan. Für einen kurzen Augenblick. Das ist Teil der ungeschriebenen Spielregeln.
Die Wirkung: Wie eine energetische Tankstelle. Dort stand sie, war einfach da, wie vom Himmel gefallen. Eine Seele, die sich auch in ihm spiegelte. Das passiert, wenn die Zeit reif ist für die nächste Sternchenbegegnung. Ob Mann oder Frau, Kind oder alter Mensch, wenn es matcht, ist es einfach da.
Ungewöhnliche Dinge tragen sich in diesem Kosmos zu. Einmal äußerte er bei einem Seminar in der Vorstellungsrunde unter der Kategorie “ungewöhnliche Hobbies” spontan: “Sternchen sammeln”. Die anderen Teilnehmenden schauten irritiert und nahmen an, er sei in der Astronomie oder vielleicht Astrologie bewandert, aber nein, er hatte es anders gemeint. Seit einigen Jahren hatte er das Gefühl, dass es selten, doch oft genug passierte, mit Begegnungen auf Sternchenebene rechnen zu können. Die Möglichkeit bestand stets, dass er beim Kontakt mit Unbekannten etwas nahezu Magisches erlebte.
Wenn es passiert, dass Sternchen aufeinander treffen, ist es wie ein Pritzeln und Leuchten und Sich-erkennen, ein Verbunden fühlen ohne sich je schon einmal offiziell begegnet zu sein. Es ist, als käme es zu einem Wiedersehen aus alten Zeiten, aus früheren Leben, aus anderen Galaxien. Es ist losgelöst von Alltag und Funktion, eher ein Treffen zweier Seelensternchen, die dabei beide erst dadurch so richtig zum Glühen und Leuchten kommen.
Wie leicht, wie verbunden, wie verstanden, wie zauberhaft sich das anfühlen kann, wenn diese Überlappung der Lebensmomente stattfindet, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Es schwingt eine andere Energie in der Luft, Töne und Farben verändern sich dabei. Zwischen diesen Wesen ergibt sich ein Gesehensein, als wenn die Seele in einer Art Nacktheit auf einen Spiegel trifft. Klar, pur und wahrhaftig. Aus dieser Begegnung heraus entsteht das Leuchten.
Nach seinem bisherigen Erkenntnisstand kann man dieses Sternchentreffen nicht “machen”. Es passiert einfach. Ein Zufall, ein Schicksal, eine Fügung. Es klappt nie, wenn man es mit Wille und Suche probiert, solche Begegnungen heraufzubeschwören. Es kann nur unverhofft aus sich selbst heraus entstehen. Scheinbar müssen die Umstände und das Universum bereit sein für die nächste Sternchenbegegnung.
Ob es dafür unterschiedlich gute Bedingungen gibt, hat er versucht zu erforschen. Eine Erkenntnis erlangte er: Wenn er in sich verbunden und geerdet ist und keine offenen Tentakel des Mangels um ihn herum wabern, dann ist das Funken eher möglich. Und doch ist es nie in seiner Hand, kein Steuerrad vorhanden, kein Seismograph, der ausschlägt und vorankündigt.
Doch wenn diese Sternchenmomente passieren, speichert sich diese Energie ab, tankt innen ein Depot auf, gibt in diesem Augenblick und weit darüber hinaus Halt und Kraft, nährt eine Urquelle, die alle Ströme des Lebens verbindet.
Ein weiterer Punkt ist wichtig, zu erzählen. Es ist unmöglich, Sternchen festzuhalten. Sternchen müssen fliegen können. Sie kommen scheinbar zufällig daher und verweilen vielleicht nur für einen kurzen Moment, vielleicht ein ganzes Leben. Auch wenn Sternchen weiterreisen, hinterlassen sie stets leuchtende Funken. Sie erlöschen nie ganz. Sie finden innen einen Platz im Gegenüber, der berührt und eingefärbt bleibt, lebenslänglich oder gar darüber hinaus. Wie eine nachhaltige Markierung. Das innere Branding ist geflutet von Liebe. Stabil wie ein Diamant. Gesegnet.
Gepaart mit dieser intensiv geprägten Stelle spüren Sternchen auch eine tiefe Traurigkeit, die sich gelegentlich auch bei ihm schwer auf seinen Brustkorb legt, wenn nach einer gewissen Zeit das Leuchten zu einem Glimmen wechselt.
Auch dieser Schmerz gehört zum Leuchten. Das Positive am Altern hat ihn dennoch gelehrt, dass sich seine Sternchenkollektion stetig weiter füllt und es so nie mehr wirklich dunkel wird. Die glimmenden Lichtflecken in ihm wachsen zu einem Lichtteppich. Das schon Erlebte entfaltet auch eine Ahnung von all den noch ausstehenden Begegnungen von Lichtgestalten, die noch für ihn bereit stehen – unerwartet und ungeahnt. Wenn die Zeit reif ist, wird sich wieder ein zufälliges Leuchten zeigen. Dieses Gegenüber lebt schon irgendwo. Das Wissen, dass all die anderen noch unentdeckten Sternchen auf dieser Welt und vielleicht sogar in dieser Stadt schon existieren, tröstet ihn, lässt ihn nach innen schmunzeln.
So erfüllt ihn in diesem Augenblick eine Welle der Wonne. Dieser Blick heute morgen beim Bäcker – der innen weiterglimmt, der seine Augen erneut angeknipst hat und der seine Zellen seitdem in einer höheren Frequenz schwingen lässt: Was für eine Freude! Eine wahre Sternchenbegegnung. Sie haben sich erkannt. Vielleicht hat sie in ihrem Erleben noch keine Worte dafür und kann es nur schwer ihrer besten Freundin erklären. Doch er ist sich sicher: Auch sie hat es gespürt und auch in ihr wird es nie wieder ganz verschwinden. Auch sie wird im Laufe ihres Lebens auf weitere Sternchen treffen, die ihr Leuchten weiter aufladen. Sie gehört zum Kreis der Sternchen. Doch wenn sie nach anderen Sternchen Ausschau hält, wird auch sie erleben, dass diese durch Suchen nicht zu finden sind.
Sternchen sind nie allein, auch wenn es sich zwischendurch einsam anfühlt. Das wird ihm gerade wieder bewusst. In der Leuchtefrau beim Bäcker wie auch in ihm weiß jede Zelle unerschütterlich, dass sie existieren, diese anderen Leuchtewesen da draußen, die die Seele nähren und die Welt zu einem liebenswerten Ort machen, weil so etwas Schönes zeitgleich und zeitlos existiert. Was für ein Geschenk. Welche Verbundenheit.
Seine Augen leuchten.