
“Einfach mal bei Familie Danke klingeln.” Das sagten seine Eltern immer zu ihm, wenn er die ganze Welt inklusive seiner Familie ungerecht fand. Und sie war es auch — zumindest durch Ricos Brille. So wurden nicht nur manche Klassenkameraden, sondern auch seine kleine Schwester total bevorteilt – oder er zumindest stets benachteiligt. Vielleicht begann es damit, dass dieses kleine Biest überhaupt geboren wurde und ihm damit auf einen Schlag alle Aufmerksamkeit abzog. Er war schließlich zuerst da gewesen. Bevor sie da war, war alles besser, auch wenn seine Mutter sagte, dass er sich kaum erinnern konnte, weil er noch zu klein war. Aber das stimmte so nicht. Er konnte sich generell sehr gut erinnern. Nicht nur an Namen von Fussballspielern und berühmten Bobfahrern, auch an Orte, an denen er erst einmal gewesen war. Er war der “Orientierungsjoker” für seine Oma, wenn sie sich zu Besuch in der fremden Stadt nicht wieder zurück zur Wohnung fand.
Er hatte als Erstgeborener zuerst “Mama” und “Papa” gesagt — und auch “Auto”, was seinen Vater mit einem Faible für alte Fahrzeuge natürlich freute. Auch die ungewöhnlichen Namen für die Autofarben konnte er mit 3 Jahren wie ein auswendig gelerntes Gedicht aufsagen. Scharlachrot. Alabasterweiß. Zitrusgelb. Gletscherblau. Panamagrün. Dabei strahlte Papa. Das waren die kurzen, schönen Momente, bevor alles aufgrund dieses kleinen Drachen anders wurde.
Nach der unbändigen Begeisterung über sein Brabbeln und seine ersten Gehversuche wurde dieses Feedback stetig weniger. Der Bau seines ersten Turm und das Vollführen seiner Purzelbäume wurden schon kontinuierlich von den Quietschtönen seiner kleinen Schwester überschattet. Bloß, weil sie später kam, ein Mädchen war, Locken hatte und in höheren Tönen schreien konnte, wenn man daran zog, galt ihm nun nicht mehr die gleiche uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Später kam seine erste 1 in der Schule zwar noch gut an, die Briefe der Klassenlehrerin zu seinem Verhalten zerstörten den Triumph wiederum sehr schnell. Auch zuhause galt es stets “leise zu sein”, “Rücksicht zu nehmen”, zu teilen und all den Quatsch. Vorher durfte er brüllend wie ein Löwe auf Socken durch den Flur flitzen und es wurde gelacht, was für ein gesunder, kerniger Junge er war. Doch dann begann diese andere Zeitrechnung mit diesem kleinen Ungeheuer. “Vorher” und “nachher” war seine Zeiteinteilung. VORHER war pure Freude. NACHHER bedeutete: Unglück und Teilen. Gar nicht erfreulich.
Seitdem es NACHHER gab, hörte er neue Sätze, die ihm nicht schmeckten. “Sei doch dankbar, dass Du ein Geschwisterchen hast”. “Sei doch dankbar, dass Du blablabla.”
Dankbarkeit, Wofür? Dass er nicht so spät ins Bett gehen durfte, wie seine Kumpels, weil die “Kleine” dann von seinem Türenscheppern womöglich wieder geweckt werden könnte? Dankbar, weil er im Urlaub sein Zimmer mit ihr teilen musste, weil die Eltern nicht einsahen, ihm ein eigenes Zimmer zu buchen? Dankbar, die Schokolade und Kekse zu teilen, deren Packung er sonst alleine hätte aufessen können? Dankbar, ständig sie im Schlepptau haben zu müssen, wenn die Eltern gemeinsam Dinge zu erledigen hatten? Dankbar, dass sie jedes Gespräch mithörte, wenn es bei ihm wieder Ärger in der Schule gab? Dankbar, dass sie überhaupt existierte?
Es ergab einfach keinen Sinn, wofür er dankbar sein sollte. In der Zeitzone “Vorher” war alles besser.
Als er heute von der erneuten Laboruntersuchung aus der Uniklinik nach Hause kam, setzte Rico sich mit hängenden Schultern vor die in die Jahre gekommene Kommode, um seinen alten Impfausweis rauszusuchen. Seine Ärztin hatte ihn daran erinnert, dass er, wenn er in der DDR geboren sei, doch so einen roten Pass noch zu Hause haben müsste, in dem damals auch die Kinderkrankheiten und Arztbesuche notiert wurden. Vielleicht könnte das noch einmal hilfreich sein, seine Krankheitsgeschichte besser aufzurollen, sollte er diesen wiederfinden. An diesen roten Pass hatte er bei all den Unterlagen gar nicht mehr gedacht. Am ehesten vermutete er ihn in der Schublade unten rechts. Rot. Mit Hammer- Sichel- Ehrenkranz. Erhaben, reingestanzt. Seine Finger konnten das Symbol ertasten.
Da lag nun ein Stück seiner Vergangenheit in seinen Händen. Es roch auch ein bisschen antiquarisch. So sahen die rotbraunen Seiten auch aus. Ein Relikt aus uralten Zeiten. Aus einem Land, das nicht mehr existierte, mit Stempeln aus den Achtzigern des vorherigen Jahrtausends.
Während er durch die gebundenen Seiten blätterte, fiel ihm ein in Kinderschrift gekritzelter Zettel in die Hand. Darauf stand “bei Familie Danke klingeln”. Oh. Er erinnerte sich. Das war sein verhasster Satz in der Kindheit gewesen. Ein leises Lächeln huschte über seine blassen Lippen. In seiner Erinnerung tauchte wieder auf, wie er ständig Diskussionen mit seinen Eltern hatte, weil seine kleine Schwester so nervte und er sie nicht akzeptieren wollte.
Oh Nici. Er hatte es ihr nie leicht gemacht.
Diese Woche wiederum trug sie eine Einstichstelle an ihrem Beckenkamm, weil ihr Knochenmark für ihn am besten passte.
Tränen füllten seine Augen. Heute war der Tag, an dem er wirklich endlich bei Familie Danke klingeln sollte.
-Danke!!!!-für Deine Inspirationen 💛
Drehmoment
Merciviel