Winterstarre

Kreatives Schreiben

Januar 2026. Draußen schimmert und reckt sich selbst noch zur Mittagsstunde der Grashalm weiß und erstarrt gen Himmel. Nur da, wo die Sonne es geschafft hat, am Halm zu lecken, gewinnt der Grünton. Nicht nur die winterlichen Temperaturen sorgen für Starre. Auch die Weltpolitik lässt neue Regeln von anderen Staatsoberhäuptern gelten und nimmersatte Händen greifen gierig um die Weltkugel. Der kleine Bürger, in seinem Alltag durchstrukturiert, liest die Zeitung und staunt, kann es nicht fassen, versteht das Handeln nicht, reaktionsarme Oberhäupter. Manche Leser*innen tippen sich kommentierend auf Plattformen die Finger wund. Doch neben schlechter Laune und Sorgenfalten– wohin führt es? Was bewirkt es? Wo fängt es an und wo hört die eigene Macht auf?

Es gibt kein Leben ohne Krisen und anstrengende Übergänge, individuell nicht, aber auch nicht im großen Ganzen. Manches lässt sich nicht überblicken, ob es die falsche Himmelsrichtung war, in diese sich etwas entwickelt, oder es einem Nadelöhr gleicht, durch das man hindurch muss, um sich danach in einem weiteren Raum wiederzufinden.

Wenn das Weltgeschehen so übermächtig wirkt, wo liegt die Macht des kleinen Mannes und der im Alltag festgestrickten Frau?

Was machen wir mit unserer Endlichkeit? Wohin richten wir unsere Aufmerksamkeit, unsere Kraft? Ab wann ist “ignorieren” gesund und ein Filtern all der negativen Weltberichte, außerhalb unseres verhandelbaren Kosmoses? Wo verschließen wir die Augen und es bräuchte gerade da ein Hinsehen?

Wo fehlt uns der Mut, auch als Individuum unsere Kraft zu spüren und im Einsatz zu sein, nicht nur für ein Ich, sondern auch für eine Gesellschaft? Und wann führt es weg von uns, heroische Ziele höher zu stecken als unser individuelles Erleben?

Wo verschwenden wir unsere Liebesmüh in das Konsumieren von überbordenden Medien, die uns weit weg und doch fern mittendrin fühlen lassen – wann müllt es den Geist eher zu, als uns freizulegen, um zu wissen, an welcher Stelle es ums Handeln geht?

Viele kontroverse Fragen tauchen auf. 

Runtergebrochen auf unsere bedingungslose Endlichkeit, komme ich vielleicht “meiner” Antwort ein Stück näher. Wir werden geboren und haben ein begrenztes Zeitfenster hier auf Erden zur Verfügung — um zu erleben, zu agieren, zu gestalten, zu tun und zu sein. Jeder ist mit unterschiedlichen Talenten ausgestattet, auch mit unterschiedlichen Einschränkungen. 

Wir sind ein Tropfen im Ozean des Lebens – und wir sind vielleicht nur einmal lebenslang hier, um unseren individuellen Beitrag zu geben und zu empfangen. Was können wir wirklich bewegen? Was ist unsere Verantwortung? Und was ist fernab unserer Fähigkeiten und Möglichkeiten? Wann lenkt das große Ganze vom individuellen Wirken ab? Für manche Personen, woanders lebend, raubt schon allein der andere Standort die Möglichkeit, sich diese Fragen zu stellen.

Manche Stellen auf der Wiese erreicht nun die Sonne und macht aus der Starre ein getautes Blatt, einen Grashalm, bereit für Photosynthese, gewärmt und aus der Schockstarre der Kälte gelöst, flexibel. Die nächste Nacht wird wieder kalt und es wird erneut einfrieren. Aber es hatte eine kurze Sonnenmittagspause, um sich wieder grün und nicht mehr weiß zu fühlen, um nicht zu vergessen, was es eigentlich ist.

So gehören wohl zum Leben die Zeiten des Erstarren, aber auch Räume für das Lachen, für Einkehr und doch auch aufwühlende Auseinandersetzung. Zu lange in dem gleichen Zustand, das kann auf dieser Welt und in unserem Leben nicht hilfreich sein. 

So können wir hierzulande im Kleinen unser Umfeld aufwärmen und die traurige Kollegin mal in den Arm nehmen. So können wir für die gestressten Verkäuferin freundliche Worte finden, wenn wir gerade Kapazität haben, auch ihre Anstrengung zu sein. So können wir andernorts auch mal unter Freunden Dampf ablassen, wenn das Überfülltsein in uns überbordern ist. Wir können uns erfreuen, dass diese Möglichkeit des Begegnens besteht.

Die Wirkung im Kleinen ist vielleicht größer, als wir vermuten. In jedem unserer alltäglichen Gegenüber wirkt echter Kontakt, heilt Kontakt. Es bewirkt ein Gesehen sein, mehr Bewusstsein, mehr Wärme, mehr Dasein… Unsere Aufmerksamkeit nicht zu verzetteln, sondern die direkten Nachbartropfen im Ozean gewahr zu haben und mit denen im Kontakt zu sein und zu verschmelzen – das kann nur hilfreich sein, letztlich auch im großen Ganzen.

Auf eine andere Antwort komme ich noch nicht. In progress, vermutlich bis zum letzten Atemzug in dieser Runde Leben.

TK 21.1.26

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