
Für mehr Bewusstsein und Körperverständnis während Heilungsprozessen stelle ich gern meinen Patient*innen den Homunculus vor, ein Männchen auf unserer Großhirnrinde. Nur wenige kennen diesen kleinen, besonderen Mann bzw. Frau (siehe Bild ;)). Während einer medizinischen Ausbildung hingegen kommt man kaum an ihm vorbei.
Die allgemein verständliche Erklärung: Unsere Großhirnrinde besteht aus verschiedenen Gebieten, die Teile unseres Körpers sensorisch und motorisch repräsentiert. Diese Areale sind unterschiedlich groß. Stellt man die Repräsentationsgebiete bildlich da, entsteht eine Art Golom wie bei dem Film “Herr der Ringe”. Große Hände, große Füße, große Lippen. Dass wir in diesen Bereichen auch eine höhere Wahrnehmung und intensiveres Gespür haben, wissen Sie eventuell aus einem beliebten Kinderspiel: Das Gegenüber soll am Körper spüren, wie viele Finger man beispielsweise auf seinen Rücken drückt und die genaue Anzahl nennen. Klappt unterschiedlich gut, auch je nach Region des Körpers. Das liegt an der Größe des Repräsentationsgebietes — und das des Rückens des Homunculus ist eher klein, wenig Neuronen sind dafür verschaltet, wozu auch. Tasten und Erspüren mit den Händen ist hingegen hochfrequenter vernetzt. Nun raten Sie mal, weswegen frisch Verliebte Händchen halten und viel küssen? Da britzelt’s ordentlich auf der Großhirnrinde und befeuert großflächige Gebiete zeitgleich. Feuerwerk in den Neuronen. Wenn Sie barfuß über Kieselsteine laufen oder versuchen, elegant in Kroatien über die Steine ins Meer zu gelangen, wissen Sie nun: Der Homunculus hat große Repräsentationsgebiete im Gehirn für die Füße. Deswegen fühlen Sie so viel. Überhaupt wissen Sie aus Ihrem Erfahrungsschatz durch das Gespür mehr, als Sie bisher dachten. Ihnen hat vielleicht nur noch niemand vom Homunculus erzählt.
Wenn Sie aufgrund einer Verletzung oder OP beispielsweise einen Gilchristverband für Ihre Schulter bekommen und 4-6 Wochen immobil sind, wird das Repräsentationsgebiet für den Bereich “Arm” deutlich blasser. Es ist, als radiert jemand diesen Bereich des kleinen Männchens aus. Als malten Sie aufgrund der fehlenden Nutzung von Sensorik und Motorik in dieser Zeit keine neuen, sauberen Konturen auf den Homunculus. Deshalb helfen achtsame Tragepausen des Verbands und sanfte Ausstreichungen, um gezielt milde Reize zu setzen, das Gebiet wach zu halten und Informationen ans Großhirn zu senden. Ähnliche wahrnehmungsreduzierende Wirkung haben (leider) Vacoped-Stiefel und generell lange Ruhigstellung ohne Belastungsmöglichkeiten und abwechslungsreiche Reize, die das Gebiet auf der Großhirnrinde regelmäßig bespielen und stetiges, facettenreiches Feedback geben. https://blog.tina-knape.de/2021/11/18/das-plus-der-ausgleichsohle/ Also auch da: Fuß und Unterschenkel ruhig unter gesicherten Rahmenbedingungen auspacken und anfassen.
Auch dafür ist eine frühe, wohldosierte Behandlung mit Lymphdrainage und Co nicht nur entstauend und wundheilungsfördernd, sondern hilfreich, eine gute Verbindung zu halten und auch die Neuronen ab und an mit Infos zu füttern. Damit ist der Homunculus nicht unterversorgt in diesem Bereich.
Mit diesem kleinen Basiswissen haben Sie nun im besten Fall mehr Verständnis dafür, dass es nach eingeschränkter Beweglichkeit, Belastung oder gar Immobilität einer Wiederaufnahme des Einzeichnens auf dem Homunculus bedarf. Jede Übung, jede physiologische ausgeführte Alltagsbewegung ist ein Stärken und Abspeichern dessen, was in der zu reizfreien Zeit zu wenig war. Auch dafür ist eine der Wundheilung angepasste Dosierung so essentiell. https://blog.tina-knape.de/2023/10/18/verbindung-halten-koennen-als-massstab-der-dosierung/ Überforderung hingegen zeichnet eher Krickelkrakel in das Homunculusfeld ein.
Nehmen Sie diese Information im besten Fall als Motivationsschub, um Ihren inneren kleinen Homunculus zu pflegen. Sie zeichnen mit der Wiederaufnahme der Funktion in dem jeweiligen Gebiet immer auch ein Stück weit den Korpus des kleinen Menschleins nach. Meiner Patientin mit mehrfacher Achillessehnenverletzung half es, zu verstehen, warum es so mühsam lange dauert, im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf die Füße zu kommen. Sie konnte diese Erkenntnis nutzen, um an ihrer Bewegungsqualität statt schnellen Kompensation zu arbeiten, um einen stabilen, präsenten Homunculus wieder auf die Großhirnrinde zu gravieren. https://blog.tina-knape.de/2023/10/18/verbindung-halten-koennen-als-massstab-der-dosierung/
War das verständlich? Haben Sie Fragen? Gerne her damit.