
Der Kampf zwischen Dämon*in und Held*in
Und sie schaute ihrem Dämon in die Augen und sagte:
“Sieh hier. Ich sehe und akzeptiere Deine Kraft. Doch ich werde Dich besiegen. Das Gesetz der Natur lässt mich stärker sein. So ist der Kreislauf des Lebens. Schau in mein magisches Instrument, diese Streichholzschachtel hier. Sie heißt RAUM. Sie bringt Licht in diese Welt, doch dafür mussten Bäume sterben. Das Feuer, was sie entfachen, wird uns wärmen — und es wird anderes zerstören. Alles ist im stetigen Wandel. Doch drumrum umgibt sie die Luft, die ist und alles verbindet.
Es ist ein ewiges Kommen und Gehen. Doch der Kreislauf des Lebens sieht es vor, dass es in jedem Ende einen Anfang gibt und in jedem Anfang ein Ende. Und so habe ich für Dich die Klänge des Walds darin eingefangen, um Dir aufzuzeigen, wie alles aus sich heraus leben und singen will. Alles fühlt. Jedes Wesen strebt nach Lebensfülle und Lebendigkeit. Und so verabschiedet sich auch der Vogel mit einem letzten Todesschrei, weil es schwer ist, wieder von der Welt zu gehen. Doch die Vergänglichkeit ist Teil des großen Zyklus. Alles transformiert sich und bildet den Grundstein für ein Fortbestehen und Entwickeln und Weitergehen. Deine dämonische Kraft ist, zu hemmen oder zu pushen, zurückzuhalten oder zu weit nach vorn zu preschen. Doch die wahre Natur kennt in ihrem Sein den Rhythmus und den Zyklus. Die einfache Existenz des Seins.
Du, Dämon, stehst vor allem für das TUN, und sei es zu verhindern, um das ich etwas nicht tue. Doch die Kraft, die trägt, ist und bleibt das SEIN. Der RAUM als solches. Das Sein wurde vor Dir geboren. Du bist ein Meister und Lehrer, mich meine Kraft immer wieder spüren zu lassen und auch im letzten Winkel in mir, zu wachsen und alles aus mir rauszuholen — oder in mir meine Essenz zu verdichten.
Doch letztlich wird die Sanftheit siegen. Sie wird Dir fremd bleiben, weil Du mit Kraft und Wille da nicht hin kommst. Es ist das Zulassen, das Einlassen, das Sein lassen, was trägt.
Der Raum IST. Er ist der Boden, auf dem all die Stürme und Sonnenauf- und Untergänge stattfinden. Du bist ein Teil, der nicht zu missen ist, doch letztlich brauchst auch Du einen Rahmen. Der Kern liegt im Lieben, im Entstehen, im Vergehen und Erwecken, im Vogelgezwitscher im Wald, in den Lücken zwischen all den Zeichen und Buchstaben, in der Stille zwischen zwei Geräuschen. Es ist der Raum, der als erstes da war, um alle Kräfte zu erwecken. Auch die Deine. Alle Wesen in diesem Raum fühlen. Jedes auf seine Weise.
Es ist der Raum, der als letztes vergehen wird — oder nie.
Das Sein siegt über dem Tun. Dämon, bewahre Dein Werk. Auch Du darfst sein, weil ich BIN. Dämon, ich sehe Dich in Deiner Kraft und Stärke, doch lass ab in Deiner Heftigkeit und fühle Dich ein im großen Raum des Seins, in dem ich Dich gebar.”
Aber sind denn nicht der Dämon und der Held aus demselben Holz geschnitzt?