
Körperliche und/ oder mentale Überforderung, aber auch Unterforderung sind Themen, die mir in meinem Berufsfeld immer häufiger begegnen. https://blog.tina-knape.de/2023/10/18/verbindung-halten-koennen-als-massstab-der-dosierung/ Ob es an der gefühlt schnelllebigeren Welt, dem Sich-Vergleichen auf sozialen Medien oder dem verdichteten und digitalisierten Leben liegt, ist ungewiss. Sich gerade deshalb selbst (wieder) besser spüren zu lernen und emotionale sowie körperliche Grenzen zu kennen und zu akzeptieren, scheint einmal mehr essentiell für die Gesundheit zu werden. Der Einsatz für die eigene Körperwahrnehmung lohnt sich immer! https://blog.tina-knape.de/2023/11/29/koerper-gespuer-entwickeln/
Ich rate, den Prozess von absoluter Entlastung bis zur Vollbelastung nach langer Nutzung von Gehstützen, Entlastungsschuh und Bein hochlegen, als eine Art Brückenbau zu betrachten. Dazu gibt es klare Wundheilungsphasen https://blog.tina-knape.de/2020/08/26/wundheilungsphasen-leicht-erklaert/, auf die sich Ärztin wie Therapeut gleichermaßen beziehen. Demnach sind kontinuierliches Steigern, Ausprobieren von Belastbarkeit, sowie Vorsicht und Gespür wichtige Punkte –innerhalb der Therapie und für das Selbsterleben des Patienten. Während der Entlastungszeit nur mit größter Vorsicht unterwegs zu sein und nach der anschließenden Röntgenkontrolle und der Aussage des Arztes “Sie sind wieder fit und dürfen voll belasten” die Gehstützen in die Ecke zu werfen und von 0 auf 100 das Bein zu belasten — keine Empfehlung! Nicht smart. Zu schnell, zu viel aufs Mal.
Wenn Sie einen Führerschein machen, steigen Sie auch nicht ins Auto und fahren einmal quer durch die Stadt und direkt auf die Autobahn, sondern steigern Ihr Können theoretisch und praktisch unter Begleitschutz peu à peu.
So ist das körperlich wie mental auch sinnvoll und gesund.
Schritt für Schritt den Druck auf die Gehstützen zu reduzieren, den Schrittrhythmus freier und weniger bedächtig wählen, die Wegstrecken des Spaziergangs verlängern, beim Stehen die Gewichtsverteilung wieder in die Körpermitte verschieben: Das sind Beispiele einer Steigerung im Alltag bei etwa einem verletzten Bein.
Bei einer Schulterverletzung ist das ähnlich. Ein wochenlanges Tragen eines Gilchrist- Verbandes ist nicht ungewöhnlich und kann sehr nervig sein, doch auch da findet innerhalb der Physiotherapie Woche für Woche mehr Belastung statt. Assistiv- aktive Bewegung in einem kontrollierten Rahmen werden durchgeführt, entlastende Eigenübungen trainiert. Nach der stark eingeschränkten Nutzung des Armes sagt Ihnen der gesunde Menschenverstand, dass das Tragen einer Wasserkiste nach dem Ablegen des Verbandes nicht adäquat ist. Logisch, denken Sie. Ja, finde ich auch!
In einem schmerzhaften und körperlich-limitierten Moment erleben Patient*innen leider nur immer wieder, dass diese übertragbaren Denk- und Handlungsprozesse schwer irritiert sein können und es daher sinnvoll ist, an diese logische Steigerung und Staffelung mit anderen Beispielen anzuknüpfen. Dabei hilft ein gutes, eigenes Körpergespür und Achtsamkeit mit sich selbst, um ein gesundes Maß wiederzufinden.
Mit Reizen jeglicher Art ist es ähnlich. Nach 3 Wochen in den Bergen einen langen Tag in einem sommerferiengefüllten Legoland zu verbringen, ist nicht nur eine semi-gute Idee, sondern mindestens auch eine Reizverarbeitungs-Herausforderung. Wenn Sie einen langen Kontaktabbruch mit einer Person hatten, überfordern Sie sich für das Wiedersehen nicht mit einem gemeinsamen Wochenende.
Haben Sie Mitgefühl mit sich selbst, wenn Sie nach einer Zeit der Stille im Homeoffice wieder einen Tag im Büro verbringen, womöglich noch mit abendlichen Verabredung. Das kann eine Reizflut sein, die Sie mental herausfordert. Auch der schnelle Umstieg von einer schulfreien Ferienzeit zur geregelten Taktung im Alltag schüttelt unsere Kinder unterschiedlich durch. Haben Sie Verständnis.
Gleichzeitig hilft es, sich immer wieder Veränderungen und Übergängen zu stellen, um den Umgang damit zu lernen und gut zu verkraften. Ein selbstbestimmtes Dosieren, wann, wieviel und wovon, um nicht nur On oder Off zur Verfügung zu haben, sondern justieren zu können, trainiert unseren Geist und lohnt sich genauso bei körperlichem Training. Stück für Stück eine Brücke zu bauen, an Belastbarkeit, Muskelkraft und emotionaler Stärke — das ist ein Teil des Lernens, ob mit Gehstützen oder nicht.
Wohliges Steigern, der Situation angemessen.